Copyright © Frankfurter Rundschau vom 8.6.2001

IM GESPRÄCH

Der kurze Weg zur Biowaffe

Experte: Militär profitiert zunehmend von ziviler Forschung

Auch das Militär ist an der Gentechnik interessiert. Biowaffen sind so einfach wie noch nie herzustellen. Zugleich wird das internationale Abkommen zum B-Waffen-Verbot ausgehöhlt. Denn die USA blockierten das Biowaffen-Protokoll, sagte Abrüstungsexperte Jan van Aken im Gespräch mit FR-Redakteur Michael Emmrich.

Der Biologe van Aken leitet in Hamburg das "Sunshine Projekt", eine Organisation, die sich gegen die Gefahren der militärischen Nutzung von Gen- und Biotechnologie wendet. Zwar hätten sich die USA noch nicht offiziell geäußert, sagt van Aken, aber bei den Verhandlungen über die Umsetzung der Biowaffen-Konvention intern ihr fehlendes Interesse an der Kontrolle biologischer Rüstung deutlich gemacht. "Das wäre der Anfang vom Ende des Biowaffen-Verbots."

Die Biowaffen-Konvention von 1975 verbietet jegliche Entwicklung und Produktion von biologischen Waffen. Erlaubt ist dagegen die Grundlagenforschung an Erregern, etwa um Impfstoffe zu entwickeln. Dabei, sagt van Aken, trennt die offensive von der defensiven Forschung nur eine "hauchdünne Linie". Um so problematischer sei es, dass die Konvention eine Überprüfung - etwa Laborkontrollen vor Ort - nicht vorsehe. Solch ein Protokoll sollte deshalb im Mai in Genf erarbeitet werden. Doch die Verhandlungsrunde blieb ohne Ergebnis. "Es wurde sechs Jahre verhandelt. US-Präsident Bush hat das jetzt abgeschossen", sagt Jan van Aken.

Während noch vor einigen Jahren den Biowaffen nur ein geringes Bedrohungspotenzial attestiert wurde, hat sich die Lage jetzt klar verändert. Krankheit heißt die neue Genwaffe. Viele Fantasien seien heute schon Realität, berichtet van Aken: tödliche Viren und Bakterien, gegen die Impfungen und Antibiotika nichts mehr ausrichten können, Krankheitskeime, die schwer erklärbare Symptome hervorrufen und nicht nachgewiesen werden können. Zwei Tendenzen sieht van Aken derzeit: zum einen den Einsatz der Gentechnik, um konventionelle Biowaffen noch effektiver zu machen, und andererseits die Kreation ganz neuer künstlicher Waffen. Dabei verlange vor allem Washington Ausnahmen vom Biowaffen-Verbot - für vordergründig zivile Ziele. So hätten die USA eine Milliardenhilfe für Kolumbien daran geknüpft, einen neuen, vom US-Landwirtschaftsministerium entwickelten Pilz zur Bekämpfung von Drogenpflanzen in Kolumbien im Freiland zu testen. Nach massiven Protesten sei das Experiment aber abgesagt worden. Ein weiteres Beispiel seien Material vernichtende Organismen wie Öl fressende Bakterien. Sie könnten bei friedenserhaltenden Einsätzen der Vereinten Nationen beispielsweise gegen gegnerische Fahrzeuge eingesetzt werden, um dort den Diesel in den Tanks zu zerstören.

Wie zweischneidig die Forschung ist, zeigen laut van Aken weitere Beispiele: Mit dem Botulinum-Toxin werden in der Medizin erfolgreich Muskelprobleme behandelt, gleichzeitig sei die Substanz aber ein potentes Gift. Und um bestimmte Pilzgifte nachweisen zu können, müssen diese zunächst einmal hergestellt werden. Dies sei zurzeit ein "zentrales Forschungsfeld". Auch die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Milzbrand komme defensiv daher. Aber den Impfstoff benötige eben auch ein Angreifer. So hätten russische Forscher das Anthrax-Bakterium, den Erreger des Milzbrandes, mittlerweile so verändert, dass weder Impfungen noch Nachweisverfahren ansprächen. Die Wissenschaftler hätten ihn durch ihre Arbeit praktisch unsichtbar gemacht.

Weil Biowaffen-Forschung verboten ist, gibt es kaum Hinweise auf die Produzenten. Van Aken zitiert aber westliche Geheimdienstquellen. Diese gingen von zehn bis 25 Ländern aus, die gegen die B-Waffen-Konvention verstießen. In der defensiven Forschung spielten die USA und Großbritannien, aber auch Deutschland eine wichtige Rolle. "Unter dem Mantel der defensiven Forschung", warnt Jan van Aken, könne aber schnell auch ein offensives Potenzial entwickelt werden.

Mit diesen und anderen Themen beschäftigt sich der Kongress "Geist gegen Gene" vom 30. Juni bis 1. Juli an der FU Berlin.

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