Copyright © Frankfurter Rundschau vom 3. Juli 2001

Psychiatrie und Zwang tauchen häufig als Begriffs-Paar auf

Russell-Tribunal beschäftigt sich mit den Rechten von Menschen, die zu Opfern wurden

Von Peter Nowak (Berlin)
Zwangsbehandlung, Zwangseinweisungen, zwangsweise Verabreichung von Spritzen und Medikamenten, Verabreichung von Elektroschocks. Ein wahres Horrorszenario wurde am Wochenende in der Berliner Urania ausgebreitet. Doch es waren nicht etwa Diktaturopfer, die hier über ihre Erfahrungen berichteten. Es handelte sich um Psychiatriepatienten, die teilweise mit brüchiger Stimme von ihren Erlebnissen in deutschen Kliniken berichteten.

"Es ist wie ein Albtraum. Wenn du darauf bestehst, aus der Klinik entlassen zu werden, weil du gesund bist, wird das gegen dich verwendet, weil du keine Einsicht in deine Krankheit zeigst", schilderte ein älterer Mann das Dilemma, in dem viele Klinikinsassen stecken.

Das Forum, vor dem die Psychiatrieerfahrenen ihre Erlebnisse schilderten, ist das 5. Internationale Russell-Tribunal, das sich mit den Menschenrechten in der Psychiatrie beschäftigt.

Initiiert wurden diese Tribunale von dem britischen Universalgelehrten Bertrand Russell in den 70er Jahren. Immer ging es um die Verteidigung der Menschenrechte in Ost und West. So setzte sich das Russell-Tribunal in den 70er Jahren für Oppositionelle in der Sowjetunion ein, die zwangsweise in psychiatrische Anstalten eingewiesen wurden. "Bedauerlicherweise findet die Misshandlung Psychiatrisierter nicht nur in Regimen ohne demokratische Institutionen statt. Als Präsident der Unterkommission des Europäischen Parlaments hatte ich aktiv mit der Berichterstattung ähnlicher und verwandter Fälle aus den unterschiedlichsten Ländern zu tun", erklärte der Direktor der Bertrand Russell Peace Foundation, Ken Coates, in einem Grußwort an das Berliner Treffen.

Unter den Juroren des Tribunals befindet sich neben Künstlern und Wissenschaftlern aus Europa, Afrika und Lateinamerika mit Otto Klein auch ein Auschwitz-Überlebender. Als Jugendlicher war er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder den medizinischen Versuchen des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele ausgesetzt.

In den nächsten Monaten will das Russell-Tribunal weitere Sitzungen in den USA und Israel abhalten und dort weitere Informationen sammeln. Erst danach wird es ein Urteil fällen. Das hat zwar keine rechtliche Wirkung.

Die Berliner Psychologin Elke Heitmüller misst der Arbeit des Tribunals aber eine nicht zu unterschätzende moralische Wirkung zu, die über die unmittelbar Betroffenen hinausgeht. "An der Fähigkeit, sich anders Verhaltende zu integrieren, misst sich der zivilisatorische Grad einer Gesellschaft."

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